Copy&Paste-Wetter – jedenfalls fast…

Während mehreren Tagen lag nun ein Hoch über Mittel- und Südeuropa und bescherte dem Alpenraum prächtiges Herbstwetter. In den Aussichten der Wetterberichte fanden sich Formulierungen wie „In den Niederungen am Morgen einzelne Nebelfelder. Ansonsten sonnig und vor allem in der Höhe sehr mild.“, welche mit kleineren Variationen täglich wiederholt wurden – Copy&Paste-Wetter eben (auch wenn diese Bezeichnung der Arbeit der Prognostiker nicht gerecht wird).

In der Zwischenzeit hat sich das Hoch unter Abschwächung langsam Richtung Südosteuropa verlagert und so sieht die Mittelfrist wieder etwas abwechslungsreicher aus.

Die Hochdrucklage hat den Kaltluftseen Gelegenheit für ein erstes Schaulaufen in dieser Saison geboten – und tatsächlich sieht der Temperaturverlauf in Hintergräppelen auf den ersten Blick Tag für Tag sehr ähnlich aus:

Zur besseren Veranschaulichung werden die sechs Temperaturverläufe für den Zeitraum von 08:00 Uhr bis um 08:00 des Folgetages übereinander gelegt:

Am 13. Oktober ging die Sonne um 07:38 Uhr auf und um 18:39 Uhr wieder unter, am 18. Oktober war der Sonnenaufgang um 07:46 Uhr und Sonnenuntergang erfolgte um 18:30 Uhr (Quelle: https://www.calsky.com/). Diese Werte beziehen sich auf einen mathematischen Horizont, sind also nicht um das Relief korrigiert. Die tatsächlichen Zeiten für Sonnenauf- bzw. -untergang verschieben sich also noch weiter nach hinten bzw. vorne.

Ergänzend zur Temperatur ist für die Diskussion hier noch der Verlauf der Luftfeuchtigkeit dargestellt:

Die folgenden Punkte fallen im momentan charakteristischen Temperaturverlauf von Hintergräppelen auf:

  • In einer ersten Phase nach Sonnenaufgang erwärmt sich die Luft in der Senke nur langsam. Es werden Temperaturänderungsraten von 0.1 – 0.3 Grad / 10 Minuten registriert. In dieser Phase ist die Luft (fast) gesättigt. Zwar fehlen entsprechende Beobachtungen, es ist jedoch davon auszugehen, dass in der Senke Nebel oder zumindest Nebelschwaden auftreten und Reif zu beobachten ist.
  • Ab 09:30 bis 09:50 Uhr steigen die Temperaturen rasant an. Typische Änderungsraten betragen nun 1 Grad pro 10 Minuten und mehr. Innerhalb einer Stunde betragen die Änderungen bis zu 10 Grad, innerhalb von 3 Stunden je nach Tag 17 bis fast 23 Grad. Nachdem Luft zuvor gesättigt war, fällt die Luftfeuchtigkeit nun im gleichen Mass schnell und stark ab wie die Temperatur ansteigt.
  • Für den Sprung im Temperaturverlauf kurz vor 10 Uhr gibt es zwei Erklärungsansätze: Mit dem Sonnenaufgang über dem Relief werden graduell mehr Gebietsanteile bestrahlt und können die darüber liegende Luft erwärmen. Die maximale Besonnung der Senke wird erst nach einer gewissen Zeit erreicht. Zudem benötigt die Auflösung des Nebels Energie (Verdunstungskälte): Die einfallende Strahlung kann nicht voll umfänglich in den Temperaturanstieg umgesetzt werden, sondern muss in einer ersten Phase für den Phasenübergang flüssig – gasförmig aufgewendet werden.
  • Kurz vor 12 Uhr beginnt eine Abflachung im Temperaturanstieg, bevor um zwischen 12:30 und 13:00 Uhr ein erstes Maximum erreicht wird.
  • An allen Tagen wird um 13:40 Uhr ein sekundäres Minimum im Temperaturverlauf beobachtet. Das untenstehende Sonnenstandsdiagramm zeigt den Verschnitt der Sonnenbahnen pro Monat mit der Horizontlinie, welche aus einem satellitenbasierten Höhenmodell mit einer Auflösung von ca. 90 m (SRTM90) abgeleitet wurde. Gemäss dieser Darstellung ragt der im Süden gelegene Schwendigrat im Oktober gerade eben nicht in die Sonnenbahn. In Realität dürfte das wohl falsch sein: Die Horizontlinie ist aufgrund der verwendeten Eingangsdaten generalisiert und eher zu tief, zudem ist der Bergrücken bewaldet. Ohne den Sachverhalt vor Ort überprüft zu haben kann vermutet werden, dass eine Abschattung zu diesem Temperaturrückgang führt.
  • Das Tagesminimum wurde an fünf der sechs betrachteten Tage kurz nach 14 Uhr erreicht. Hier ist nochmals zu erwähnen, dass die Real Time-Messung nicht ventiliert ist und bei Windstille ein Strahlungsfehler von mehreren Grad auftreten kann. Es wird interessant sein, die Messwerte mit denjenigen des ventilierten Sensors zu vergleichen.
  • Kurz nach dem Tageshöchstwert sinkt die Temperatur rasch um 2 – 3 Grad ab.
  • Zwischen etwa 15 Uhr und 17:30 Uhr werden durch den sinkenden Sonnenstand graduell immer grössere Anteile des Einzugsgebiets abgeschattet. In diesen Bereichen wird die Strahlungsbilanz negativ und durch die Auskühlung des Bodens kommt hier die Produktion von Kaltluft langsam in Gang.
  • Nachdem nach 17:30 die Sonneneinstrahlung komplett weg gefallen ist, sinkt die Temperatur rasant mit Raten von -1.5 bis 2 Grad pro 10 Minuten bzw. 6 bis 8 Grad pro Stunde ab. Es fällt auf, dass der Temperaturverlauf zwischen etwa 17:30 Uhr und 19 Uhr an allen betrachteten Tagen sehr ähnlich verläuft. Besonders im Vergleich mit dem Temperaturverlauf im ansteigenden Ast am Morgen ist die Phasenverschiebung viel kleiner.
  • Nach 19:30 flacht der Temperaturrückgang merklich ab: Die Abstrahlung lässt durch die sinkende Temperatur der Oberflächen nach. Hinzu kommt, dass zwischen 19:30 und 20 Uhr die Lufttemperatur in die Nähe des Taupunktes kommt oder ihn sogar erreicht: Die Bildung von Nebel bzw. die Ablagerung von Tau bzw. Reif setzt ein und dadurch wird Kondensationswärme freigesetzt. Durch die Deposition des Wassers wird dieses der Luft entzogen und somit kann die Temperatur trotzdem weiter absinken – wenn auch nicht so schnell wie zuvor.
  • Charakteristisch für diese Phase ist zudem eine stärker werdende Fluktuation des Temperaturverlaufes. Ohne die Messung zusätzlicher Parameter ist eine Interpretation schwierig: Ist es nur der Nebel, welcher etwas hin und her suppt – oder findet eine turbulente Durchmischung durch von den Hängen abfliessende Kaltluft statt (welche allerdings in der Phase der stärksten Abkühlung ausgeprägter sein müsste)?
  • Wird die Luft komplett gesättigt (teilweise werden Werte für die Luftfeuchtigkeit von >100 % registriert – wobei unklar ist, inwiefern tatsächlich eine Übersättigung stattfindet und inwiefern allenfalls ein Messfehler zu diesen Werten führt), so kann im weiteren Verlauf der Nacht ein Temperaturrückgang von weiteren 3 – 4 Grad erfolgen. In Nächten, in welchen die Luftfeuchtigkeit stärker fluktuiert und Sättigung nur zeitweise erreicht wird, kann dieser Rückgang 5 – 6 Grad betragen.
  • Der Tiefstwert der Temperatur wurde an den betrachteten Tagen zwischen 7 und 8 Uhr am Morgen erreicht und betrug jeweils zwischen -3 und -6 °C. Verläuft die kommende Nacht störungsfrei (kein Wind, keine aufziehende Bewölkung), so dürfte ein noch tieferes Minimum registriert werden.

Im Vergleich mit anderen Senken im Jura bzw. in den Südalpen sind die momentanen Tiefstwerte in Hintergräppelen noch nicht allzu spektakulär. Mit dem Ried auf dem Boden der Senke ist ein grosses Feuchtigkeitsangebot vorhanden, welches sich dämpfend auf die Minima auswirkt. In trockenen Senken kann die Temperatur noch wesentlich tiefer fallen: In der Doline von Campoluzzo (IT / Veneto, 1770m) wurden in den vergangenen Tagen bereits regelmässig Werte von unter -10 °C registriert (vgl. http://www.arpa.veneto.it/bollettini/meteo60gg/Staz_501.htm). Sobald in Hintergräppelen Schnee liegt, fällt dieser Nachteil weg und die Karten werden neu gemischt…

 

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